Frühling im Garten
S. Piller, April 2011
Lenzrosen, Waldlilien, Schachbrettblumen, Forellenlilien, Alpenveilchen, Schätze des Frühlings in unseren Gärten. Wer schaut da schon hin zu den Urpflanzen, die an absonnigen Stellen ungeduldig aus dem Boden quillen; wo wir doch so lange auf Sonne gewartet haben?
Aber diese Urgebilde lassen sich nicht aufhalten. Sie drücken ihre, mit dichtem Pelz besetzten Köpfe nach oben und beginnen ihre Show, den Austrieb der Farne.
Faszinierend, wie Millionen Jahre alte Baupläne sich bis heute erhalten haben. Wer denkt beim Abrollen der so genannten Bischofsstäbe nicht an Ammonoideen, Seesternarme, an Oktopoden und Schnecken?
Diese Vorbilder gab es aber vor ca. 400 Millionen Jahren nur in den Meeren des Devons. Zu dieser Zeit mussten sich die frühen, am Boden verankerten Pflanzen der Flachwasserzonen auf das Landleben umstellen, weil ihnen durch geologische Umschichtungen das Wasser ausging. Das verweist uns nebenbei auf einen weitaus älteren, vielleicht gemeinsamen genetischen Ursprung alles Lebenden. Es entwickelten sich die so genannten Nacktfarne, die ihre blattlosen Austriebe damals schon genauso ausrollten wie unsere heutigen Farne und sich auch über Sporen vermehrten.
Wir reden über die Nachkommen dieser schon lange ausgestorbenen Urfarne. Ihre Erbmasse hat sich, gemessen an der Verweilzeit auf dieser Erde, nicht wesentlich verändert. Ohne reichlich Wasser geht es auch heute noch nicht. Wir sollten ihnen daher in dieser Hinsicht etwas mehr Aufmerksamkeit zukommen lassen, als den modernen Pflanzen. Der eigentliche Körper der Pflanze, der Stamm oder Stock, ist von Versorgungskanälen (Leitbündeln) durchzogen, die für den Stoffaustausch der gesamten Pflanze sorgen. Sie reichen nach unten bis in die Wurzelspitzen und münden nach oben in den Vegetationsspitzen. Wasser und gelöste Mineralien steigen auf und werden gemeinsam mit den durch Fotosynthese erzeugten Stärken den Vegetationszellen zur Verfügung gestellt. Aus diesen Zellen bilden sich die neuen Wedel. Das beginnt bei älteren Farnen bereits drei bis fünf Jahre vor dem Austrieb.

Entferntfiedriger Wurmfarn Dryopteris remota Schnitt quer durch den Stamm mit Stielbasen und Leitbündeln
Die Blattanlagen werden platzsparend eingerollt, in dem die Rückenzellen der Stiele schneller wachsen als die Bauchzellen. Das wird beim Austrieb durch unterschiedliche osmotische Kräfte wieder ausgeglichen, womit sich die unterschiedlichen Figuren beim Abrollen erklären. Die Vegetationsspitzen sind bei den meisten Farnen in etwa spiralförmig angeordnet, so dass die Wedel oft den bewunderten, mehr oder weniger regelmäßigen Trichter bilden.
Aber so weit sind wir noch nicht. Fast pathetisch rollen sie nun ihre Wedel immer weiter aus. Das dauert je nach Farnart ungefähr eine Woche und die sollten wir genießen. Polystichum- Sorten (Schildfarne) tun sich hier besonders hervor. Im halberwachsenen Zustand erinnern sie oft an die Kapitelle gotischer Säulen.
Inzwischen sind viele unserer Frühlingsschätzchen verblüht und zeigen sich, mit wenigen Ausnahmen, nur noch als welkendes Grün. Frühe Sommerstauden müssen sie ersetzen. Die Farne aber bleiben uns treu. Sie werden weiter ihre Wedel in unterschiedlichen Grüntönen oder sogar farbig ausbreiten. Sie werden ihren Habitus ändern und bis in den Spätsommer die Stimmung des Gartens beeinflussen, dort wo sie wachsen dürfen.
April 2011, Bild und Text S. Piller